Energiekrise in Nordmazedonien – ein Kommentar von Stefan Peter, CEO und Vorstandsvorsitzender der EVN North Macedonia

Aus aktuellem Anlass haben wir unser Vorstandsmitglied Stefan Peter gebeten, eine Stellungnahme zur aktuellen Energiekrise abzugeben und die aktuellen Ereignisse auf dem mazedonischen Energiemarkt zu kommentieren. Stefan Peter ist CEO und Vorstandsvorsitzender der EVN Macedonia.

Hier die Einschätzung von Stefan Peter:

Seit Anfang 2021 sehen wir einen enormen Preisanstieg für Rohstoffe wie Gas (+ 307 %), Kohle (+ 193 %) und CO2-EUA (Erlaubnis zur Emission von Kohlendioxid) (+ 190 %). Diese Rohstoffe sind wichtig für die Stromerzeugung und haben daher direkten Einfluss auf die Strompreise. Der Strompreis an der Strombörse in Budapest (HUDEX) für die folgenden 12 Monate stieg für das Basisprodukt von 57 Euro/MWh am 1. Januar 2021 auf nun 132 €/MWh (10.11.2021).

Die Hauptgründe für diese außergewöhnliche Situation sind:

  • Anstieg des nachgefragten Volumens durch unerwartet schnell wachsende Märkte (Post-Covid-Effekt)
  • Relativ geringe Erzeugung durch Wind in ganz Europa 2021
  • Grüne Agenda in Europa und erwarteter Ausstieg aus der Kohleenergie
  • Langsame Befüllung von Gasspeichern in Europa
  • Daher Mangel an Gas und Kohle

In Nordmazedonien kommen technische Schwierigkeiten im Betrieb vor allem des größten Kraftwerks in Bitola und Mangel an Kohle dazu. Auf Grund der anhaltenden technischen Probleme schon in den letzten vergangenen Monaten sind auch die Wasserspeicher der Speicherkraftwerke nahezu leer. Das Land kann aber physikalisch auch durch Kraftwerkskapazität aus dem Ausland versorgt werden. Schon jetzt wird der überwiegende Teil der erforderlichen Kapazitäten für Industrie und Gewerbe aus dem Ausland importiert. Diese Mengen werden am freien Markt zu den jeweiligen Marktpreisen beschafft. Die Kraftwerkskapazitäten der ESM (vormals ELEM) werden nahezu ausschließlich für Haushalte und Kleinstgewerbe genutzt und zu niederen Preisen (deutlich unter Marktpreis) über den Grundversorger (Universal Supplier / EVN Home) abgegeben. Die derzeitige Situation in Nordmazedonien ist daher weniger ein technisches Problem, als ein kaufmännisches. ESM muss bei Ausfall der eigenen Kapazitäten sehr teuer aus dem Ausland zukaufen. Die aktuellen Maßnahmen der Regierung im Zuge der Erklärung der Energiekrise zielen auch überwiegend auf die kurzfristige ausreichende finanzielle Ausstattung der staatlichen Unternehmen ESM und MEPSO ab. Dennoch könnte es diesen Winter bei starken Minustemperaturen, also hoher Netzbelastung und geringer inländischen Produktion zu Engpässen im Transportnetz kommen. Szenarien für einen solchen Fall werden derzeit durch den Krisenstab des Ministeriums unter Einbindung von Experten entwickelt.

Wir haben Stefan Peter auch einige Fragen zu den Auswirkungen der Energiekrise auf die Unternehmen gestellt:

Was sind die Folgen für die Unternehmen, was kommt auf sie zu, mit was für Preiserhöhungen haben sie zu rechnen?

Unternehmen müssen bei Auslaufen ihres aktuellen Vertrages einen neuen Vertrag zu den aktuellen Marktpreisen abschließen. Da die Marktpreise im vergangenen Jahr deutlich gestiegen sind, ist mit deutlich teureren Preisen bei Neuverträgen zu rechnen. Kontaktieren Sie rechtzeitig den Energielieferanten ihres Vertrauens.

Bei bestehenden Verträgen auf Fixpreis-Basis gelten die bestehenden Preise bis zum Ende der Laufzeit. Einige Energielieferanten haben allerdings in den letzten Wochen einseitig Verträge gekündigt. Das ist rechtlich grundsätzlich nicht zulässig. Wir empfehlen entsprechende Abänderungsvorschläge (höhere Preise) nicht zu akzeptieren und im Fall einer Kündigung durch den Energielieferanten rechtliche Schritte zu setzen.

Was können die Unternehmen tun?

Wie o.a. keinesfalls eine Änderung bei bestehenden Verträgen akzeptieren und rechtzeig vor Auslaufen des Vertrages Kontakt zum aktuellen Energielieferanten aufnehmen. Durch die Wahl des richtigen Produktes (Fixpreis / Variabel) und einer abgeänderten Laufzeit können eventuell kurzfristige Spitzen vermieden werden. Die Marktpreise selber sind aber leider Faktum und basieren auf eine globalen Entwicklung.

Wie lange wird die Situation anhalten?

Die Märkte signalisieren bereits fallende Preise, die auch in den Future-Produkten abgebildet sind. Allgemein wird eine deutliche Beruhigung nach dem Winter ab Frühjahr 2022 erwartet. Das Preisniveau vor der Krise in 2019 ist aber derzeit nicht in Sicht.

Stefan Peter, CEO und Vorstandsvorsitzender EVN North Macedonia

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